„Du musst meiner Mutter dieses Geld zurückzahlen.“
Martin sagte es nicht laut. Gerade deshalb traf mich der Satz so hart.
Er saß mir gegenüber an unserem Küchentisch, noch im dunkelblauen Hemd aus dem Büro, die Ärmel bis zu den Unterarmen hochgeschoben. Neben seiner rechten Hand lag ein weißer Briefumschlag. Auf dem Umschlag hatte seine Mutter mit ihrer schmalen, sauberen Handschrift nur eine Zahl geschrieben:
21.600 €.
Ich stellte meine Tasse ab.
„Welches Geld?“
Martin sah mich an, als wäre diese Frage bereits eine Provokation.
„Bitte, Nora. Mach es nicht komplizierter.“
„Ich mache gar nichts kompliziert. Deine Mutter kommt heute Nachmittag hierher, legt einen Umschlag auf unseren Tisch und behauptet, ich schulde ihr über zwanzigtausend Euro. Also frage ich noch einmal: Welches Geld?“
Er zog ein gefaltetes Blatt aus dem Umschlag.
„Das Geld, das sie uns seit drei Jahren für die Wohnung vorgestreckt hat.“
Ich musste lachen.
Nicht, weil es lustig war.
Es war dieses kurze, ungläubige Lachen, das einem herausrutscht, wenn etwas so absurd ist, dass der Kopf einige Sekunden braucht, um es überhaupt ernst zu nehmen.
Wir wohnten seit fast sechs Jahren in einer Vierzimmerwohnung in Hannover-Bothfeld. Kein Luxus. Achtzigerjahrebau, vierter Stock, kein Aufzug, dafür ein kleiner Balkon, auf dem Martin jeden Frühling Kräuter pflanzte und sie spätestens im Juli vertrocknen ließ.
Die Wohnung gehörte uns gemeinsam.
Wir hatten sie 2021 gekauft.
Mit Kredit.
Mit Eigenkapital.
Mit Notartermin, Grundbuch, Grunderwerbsteuer und all den anderen Dingen, über die man vorher nie nachdenkt und die plötzlich einen großen Teil des Lebens ausfüllen.
Martins Mutter, Renate, hatte uns damals 8.000 Euro geschenkt.
Geschenkt.
So stand es sogar im Verwendungszweck der Überweisung: „Für euer neues Zuhause ❤️“.
Danach hatte sie nie erwähnt, dass wir ihr etwas schuldeten.
„Einundzwanzigtausendsechshundert“, wiederholte ich. „Wie kommt sie auf diese Summe?“
Martin schob mir das Blatt hin.
Es war keine Rechnung.
Keine Vereinbarung.
Keine Kopie eines Darlehensvertrags.
Es war eine Liste.
36 Monate.
Jeden Monat 600 Euro.
Darunter:
Gesamtsumme: 21.600 €.
Ich blickte wieder zu Martin.
„Was soll das sein?“
„Mama sagt, sie hat jeden Monat sechshundert Euro beigesteuert, damit wir die Belastung mit Kredit, Hausgeld und Nebenkosten schaffen.“
Mir wurde langsam kalt.
„Sie hat was?“
„Nora, du weißt doch, dass es die letzten Jahre knapp war.“
„Natürlich weiß ich das. Ich mache unsere Haushaltsplanung.“
„Eben.“
„Und genau deshalb weiß ich auch, dass deine Mutter uns nicht jeden Monat sechshundert Euro überwiesen hat.“
Martin rieb sich über die Stirn.
„Vielleicht nicht direkt auf unser gemeinsames Konto.“
„Wohin dann?“
Darauf antwortete er nicht sofort.
Und dieser winzige Moment veränderte alles.
„Martin.“
„Sie hat gesagt, das lief über dich.“
Ich starrte ihn an.
„Über mich?“
„Ja.“
„Auf welches Konto?“
„Das weiß ich nicht.“
Ich stand auf, ging ins Arbeitszimmer und holte meinen Laptop.
„Dann finden wir es heraus.“
„Nora, wir müssen daraus doch jetzt keine Vernehmung machen.“
Ich blieb in der Tür stehen.
„Deine Mutter behauptet, sie hätte mir drei Jahre lang insgesamt 21.600 Euro gegeben, und du sitzt hier und sagst mir, ich müsse das zurückzahlen. Doch, Martin. Genau jetzt machen wir daraus eine Vernehmung.“
Er schwieg.
Ich setzte mich wieder an den Tisch und öffnete mein Onlinebanking.
Mein Girokonto.
Keine monatlichen Zahlungen von Renate.
Mein altes Tagesgeldkonto.
Nichts.
Unser Gemeinschaftskonto.
Nichts.
Ich suchte nach ihrem Nachnamen.
Nach ihrem Vornamen.
Nach 600 Euro.
Nach 300.
Nach 1.200.
Nichts.
Martin beobachtete mich schweigend.
„Vielleicht bar“, sagte er irgendwann.
Ich sah langsam hoch.
„Sechsunddreißig Monate lang jeweils sechshundert Euro bar?“
„Ich sage nur, was sie gesagt hat.“
„Und du glaubst ihr.“
Er antwortete nicht.
Das war Antwort genug.
Am Abend rief Renate an.
Martin stellte auf Lautsprecher.
„Habt ihr gesprochen?“, fragte sie.
Nicht „Hallo“.
Nicht „Passt es gerade?“.
„Ja“, sagte Martin.
„Und?“
Ich lehnte am Küchenschrank.
„Renate, ich finde keine einzige Zahlung von dir.“
Am anderen Ende wurde es still.
Dann hörte ich sie ausatmen.
„Natürlich nicht.“
„Warum natürlich nicht?“
„Weil das Geld nicht als Überweisung an dich gegangen ist.“
Ich sah Martin an.
„Sondern?“
„Das weißt du ganz genau.“
„Nein.“
„Nora, bitte.“
Diese zwei Wörter sagte sie in jenem Tonfall, den sie immer benutzte, wenn sie so tun wollte, als seien wir zwei vernünftige Frauen und nur ich würde die Situation unnötig schwierig machen.
„Dann erklär es mir.“
„Ich habe Ausgaben für euch übernommen.“
„Welche?“
„Die laufenden.“
„Welche laufenden Ausgaben?“
Wieder Stille.
Dann sagte sie:
„Frag Martin.“
Das Gespräch war beendet.
Nicht von uns.
Von ihr.
Sie legte auf.
Ich sah meinen Mann an.
„Was soll ich dich fragen?“
„Keine Ahnung.“
„Martin.“
„Ich schwöre dir, Nora, ich weiß nicht, was sie meint.“
Zum ersten Mal an diesem Abend klang er nicht wütend.
Er klang nervös.
In dieser Nacht schlief ich kaum.
Gegen halb zwei stand ich auf, setzte mich mit einer Decke aufs Sofa und ging unsere Finanzen durch.
Nicht nur ein paar Monate.
Drei Jahre.
Konto für Konto.
Kreditrate.
Hausgeld.
Strom.
Versicherungen.
Einkäufe.
Tankstellen.
Kita-Gebühren damals noch für unsere Tochter Ida.
Sportverein.
Urlaub.
Steuernachzahlungen.
Alles.
Kurz nach drei Uhr bemerkte ich etwas, das ich hundertmal gesehen und nie hinterfragt hatte.
Jeden Monat ging eine Zahlung von 600 Euro von unserem Gemeinschaftskonto ab.
Empfänger:
Nordblick Service GmbH.
Verwendungszweck:
Objekt 17 / Betreuung.
Ich kannte den Namen.
Oder zumindest glaubte ich, ihn zu kennen.
„Nordblick“ war die Firma, von der Martin mir vor Jahren erzählt hatte, als wir unseren Kredit neu kalkuliert hatten.
„Das ist für das Haus meiner Mutter“, hatte er damals gesagt.
Renates Reihenhaus in Garbsen war nach der Scheidung von Martins Vater finanziell schwierig geworden.
Martin hatte erklärt, er zahle einen Teil der Kosten für Wartung und kleinere Reparaturen.
Sechshundert Euro kamen mir hoch vor.
Aber Martin verdiente deutlich mehr als ich, und er hatte gesagt, dass seine Mutter ihm früher beim Studium geholfen hatte.
Wir hatten uns darauf geeinigt, dass seine Unterstützung für sie aus seinem Anteil am Haushaltsbudget kam.
Damals hatte ich nicht weiter gefragt.
Jetzt öffnete ich die erste Zahlung.
Dann die zweite.
Dann die dritte.
36 Zahlungen.
Exakt 600 Euro.
21.600 Euro.
Mein Herz begann schneller zu schlagen.
Es war genau die Summe auf Renates Zettel.
Nur in die falsche Richtung.
Nicht Renate hatte uns drei Jahre lang Geld gegeben.
Von unserem Konto waren drei Jahre lang jeden Monat 600 Euro an diese Firma gegangen.
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Am nächsten Morgen sagte ich Martin zunächst nichts.
Ich brachte Ida zur Schule, fuhr danach nicht direkt ins Büro, sondern parkte auf dem Parkplatz eines Bäckers und suchte auf meinem Handy nach der Nordblick Service GmbH.
Gebäudedienstleistungen.
Hausmeisterservice.
Wohnungsauflösungen.
Seniorenbetreuung im Alltag.
Geschäftsführer: Stefan Krüger.
Firmensitz: Langenhagen.
Ich kannte keinen Stefan Krüger.
Um neun Uhr rief ich dort an.
Eine Frau meldete sich.
„Nordblick Service, guten Morgen.“
„Guten Morgen. Mein Name ist Nora Albrecht. Von unserem Konto gehen seit ungefähr drei Jahren regelmäßige Zahlungen an Sie. Ich müsste gern wissen, zu welchem Vertrag die gehören.“
„Haben Sie eine Kundennummer?“
Ich nannte den Verwendungszweck.
Die Frau tippte.
Dann fragte sie:
„Sind Sie Frau Albrecht aus Hannover?“
„Ja.“
„Einen Moment bitte.“
Musik.
Fast zwei Minuten.
Dann kam sie zurück.
Ihre Stimme war vorsichtiger geworden.
„Der Vertrag läuft nicht auf Ihren Namen.“
„Auf wessen?“
„Das darf ich Ihnen aus Datenschutzgründen leider nicht sagen.“
„Von meinem Konto werden monatlich sechshundert Euro abgebucht.“
„Dann können Sie uns gern einen Nachweis schicken, dass Sie Mitinhaberin des belasteten Kontos sind. Danach können wir Ihnen die Rechnungsreferenzen mitteilen.“
Ich schickte alles noch auf dem Parkplatz.
Um 11:42 Uhr bekam ich eine E-Mail.
Die Rechnungen gehörten zu einer Adresse in Garbsen.
Aber nicht zu Renates Adresse.
Es war eine kleine Wohnanlage etwa zwei Kilometer entfernt.
Empfänger der Leistungen:
Erika Feldmann.
Der Name sagte mir zunächst nichts.
Dann erinnerte ich mich.
Auf Martins Konfirmationsfoto stand ganz außen eine ältere Frau mit grauem Dutt.
„Das ist Oma Erika“, hatte Martin einmal gesagt.
Renates Mutter.
Ich wusste, dass Martin seit Jahren keinen Kontakt zu ihr hatte.
Renate hatte erzählt, ihre Mutter sei schwierig gewesen, kalt, manipulativ und irgendwann „komplett aus der Familie verschwunden“.
Martin sprach nie über sie.
Ich rief ihn an.
„Kennst du die Adresse Am Mühlenkamp 14 in Garbsen?“
Es wurde still.
„Warum?“
„Martin.“
„Wo hast du die Adresse her?“
Das war der Moment, in dem ich wusste, dass er etwas wusste.
„Komm heute früher nach Hause.“
„Nora—“
„Heute. Früher.“
Er war um Viertel nach vier da.
Ich hatte 36 Kontoauszüge ausgedruckt.
Sie lagen auf unserem Esstisch.
Martin blieb stehen, als er die Blätter sah.
„Setz dich.“
Er setzte sich nicht.
Ich deutete auf die Zahlungen.
„600 Euro im Monat. Drei Jahre. 21.600 Euro.“
Sein Blick wanderte über die Ausdrucke.
„Ich kann das erklären.“
„Bitte.“
Er zog einen Stuhl zurück.
„Oma Erika lebt dort.“
„Das weiß ich inzwischen.“
„Sie hatte vor ein paar Jahren einen Schlaganfall.“
Ich sagte nichts.
„Nicht schlimm genug für ein Pflegeheim, aber sie brauchte Hilfe. Einkäufe, Arztfahrten, Haushalt, Papierkram.“
„Und wir bezahlen das.“
„Ja.“
„Seit drei Jahren.“
„Ja.“
„Warum weiß ich nichts davon?“
Martin sah auf seine Hände.
„Weil meine Mutter nicht wollte, dass jemand erfährt, dass sie wieder Kontakt zu ihr hat.“
Ich verstand den Satz zunächst nicht.
„Deine Mutter?“
„Sie hat sich gekümmert. Heimlich.“
„Und wir haben bezahlt.“
„Teilweise.“
Ich schob ihm die Ausdrucke hin.
„Nicht teilweise. 21.600 Euro.“
„Mama hat auch viel gemacht.“
„Warum wurde das Geld von unserem Gemeinschaftskonto überwiesen?“
Martin schluckte.
„Weil ich den Dauerauftrag eingerichtet habe.“
Das war schlimmer, als ich erwartet hatte.
Nicht, weil er seiner Großmutter geholfen hatte.
Das hätte ich verstanden.
Vielleicht hätte ich sogar zugestimmt.
Sondern weil er drei Jahre lang jeden Monat Geld aus unserem gemeinsamen Konto genommen und mir eine erfundene Erklärung gegeben hatte.
„Du hast gesagt, das sei für das Haus deiner Mutter.“
„Ich wollte keinen Streit.“
„Also hast du mich angelogen.“
„Ich habe dir nicht alles erzählt.“
„Das nennt man lügen.“
Martin stand auf.
„Nora, sie ist meine Großmutter.“
„Darum geht es nicht.“
„Doch.“
„Nein. Es geht darum, dass deine Mutter jetzt behauptet, sie hätte uns genau dieses Geld gegeben.“
Er blieb stehen.
Man konnte ihm ansehen, wie sich der Gedanke zusammensetzte.
„Das kann nicht sein.“
„Die Summe ist identisch, Martin.“
„Vielleicht Zufall.“
„36 mal 600 Euro?“
Er nahm sein Handy.
Renate ging erst beim dritten Anruf dran.
„Was ist?“
„Mama, was genau meinst du mit den 21.600 Euro?“
„Das haben wir doch besprochen.“
„Nein. Jetzt genau.“
„Ich habe euch unterstützt.“
„Nora hat die Zahlungen gefunden.“
Stille.
„Welche Zahlungen?“
„Nordblick.“
Wieder Stille.
Länger diesmal.
Dann sagte Renate sehr ruhig:
„Kommt morgen vorbei.“
„Nein“, sagte ich laut. „Heute.“
Eine Stunde später standen wir in ihrem Wohnzimmer.
Renate hatte Kaffee gekocht.
Niemand trank ihn.
Ich legte die Ausdrucke vor sie.
„Du behauptest, ich schulde dir 21.600 Euro.“
„Ihr schuldet mir das Geld.“
„Nein. Von unserem Konto gingen genau 21.600 Euro für deine Mutter ab.“
Renates Gesicht veränderte sich kaum.
Nur ihre Hände schlossen sich fester um die Tasse.
„Martin wollte helfen.“
„Martin hat geholfen“, sagte ich. „Mit unserem Geld.“
„Es ist auch sein Geld.“
„Auf einem Gemeinschaftskonto.“
„Ihr seid verheiratet.“
„Genau deshalb entscheidet man gemeinsam.“
Martin hob die Hand.
„Mama, warum verlangst du die Summe jetzt von Nora?“
Renate stellte die Tasse ab.
„Weil ich sie brauche.“
„Wofür?“
„Das ist meine Sache.“
„Nein“, sagte ich. „Nicht mehr.“
Da passierte etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.
Renate begann zu weinen.
Nicht dramatisch.
Keine lauten Schluchzer.
Sie saß einfach da, sah auf den Tisch, und plötzlich liefen ihr Tränen über die Wangen.
„Ich habe Schulden“, sagte sie.
Martin wurde blass.
„Welche Schulden?“
„Noch vom Haus.“
„Das Haus ist doch fast abbezahlt.“
Renate schüttelte den Kopf.
Vor zwei Jahren hatte sie einen weiteren Kredit aufgenommen.
32.000 Euro.
Martin wusste nichts davon.
Ich auch nicht.
Das Geld war nicht in eine Renovierung geflossen.
Es war an jemanden namens Thomas Feldmann gegangen.
Renates Bruder.
Martins Onkel.
Den Namen hatte ich in zwölf Jahren Beziehung vielleicht dreimal gehört.
„Thomas hat sein Geschäft verloren“, sagte Renate. „Dann die Wohnung. Er hatte nichts.“
„Und du hast ihm 32.000 Euro gegeben?“, fragte Martin.
„Geliehen.“
„Hat er etwas zurückgezahlt?“
Sie schwieg.
„Mama.“
„Nein.“
Jetzt verstand ich langsam.
Renate hatte gleichzeitig ihrer Mutter geholfen, ihrem Bruder Geld gegeben und Martin in dem Glauben gelassen, sie habe alles unter Kontrolle.
Nun stiegen ihre Kreditraten.
Ihre Rente allein reichte nicht.
Also hatte sie sich eine Geschichte gebaut.
Eine, in der sie uns drei Jahre lang unterstützt hatte.
Eine, in der wir ihr Geld schuldeten.
Und aus irgendeinem Grund hatte sie beschlossen, dass ich diejenige sein sollte, die zahlt.
„Warum ich?“, fragte ich.
Renate sah mich an.
„Weil du das Geld hast.“
Da war es.
Meine Tante war im vergangenen Herbst gestorben.
Ich hatte knapp 38.000 Euro geerbt.
Renate wusste davon.
„Du wolltest mein Erbe.“
Sie sagte nichts.
„Deshalb taucht diese angebliche Schuld plötzlich jetzt auf.“
„Ich wollte niemanden bestehlen.“
„Du hast behauptet, du hättest mir Geld gegeben, das du nie gegeben hast.“
„Ich dachte, wenn Martin sowieso für meine Mutter zahlt—“
„Was?“
Sie stockte.
Dann sagte sie den Satz, der Martin endgültig verstummen ließ.
„Ich dachte, dann könnte man das miteinander verrechnen.“
Ich musste zweimal nachfragen.
„Was genau verrechnen?“
Renate erklärte es.
Sie hatte ursprünglich versprochen, die Kosten für Erika selbst zu tragen.
Martin hatte den Dauerauftrag nur eingerichtet, weil Renate vorübergehend knapp bei Kasse gewesen war.
Für drei Monate.
Danach sollte sie die Kosten übernehmen.
Aus drei Monaten waren sechs geworden.
Dann zwölf.
Dann 36.
Jedes Mal, wenn Martin nachfragte, hatte sie gesagt, sie werde das Geld später ausgleichen.
Mir hatte Martin nie etwas erzählt, weil er sich schämte, dass die Sache immer länger lief.
Und Renate?
Die hatte irgendwann aufgehört, es überhaupt als Schulden gegenüber uns zu betrachten.
In ihrem Kopf hatte sie ihre Pflegearbeit für Erika, die Unterstützung für Thomas und unsere frühere Hilfe beim Wohnungskauf zu einem riesigen familiären Topf zusammengerechnet.
Niemand wusste mehr, wer angeblich wem etwas schuldete.
Nur eines wusste sie sehr genau:
Ich hatte 38.000 Euro auf einem Tagesgeldkonto.
Und sie brauchte Geld.
Martin stand auf.
„Wir fahren.“
„Martin—“
„Nein.“
„Ich wollte doch nur—“
„Du wolltest, dass meine Frau dir 21.600 Euro gibt, obwohl du genau weißt, dass dieses Geld drei Jahre lang von uns zu Oma gegangen ist.“
Renate weinte wieder.
Martin sah sie lange an.
„Ich hätte dir geholfen.“
Sie hob den Kopf.
„Was?“
„Wenn du mir die Wahrheit gesagt hättest. Wegen des Kredits. Wegen Thomas. Vielleicht nicht mit allem. Aber wir hätten eine Lösung gesucht.“
Er zeigte auf die Ausdrucke.
„Nach dieser Geschichte weiß ich nicht einmal mehr, welchen Zahlen ich glauben kann.“
Zu Hause öffneten wir noch am selben Abend alle Konten.
Seine.
Meine.
Das Gemeinschaftskonto.
Martin zeigte mir jeden Dauerauftrag, jede Rücklage, jedes Depot.
Und dann entdeckten wir etwas, das weder Renate noch Martin erwartet hatten.
Auf dem Nordblick-Konto waren seit vier Monaten keine Leistungen mehr für Erika abgerechnet worden.
Trotzdem lief unser Dauerauftrag weiter.
2.400 Euro waren bereits als Guthaben dort verbucht.
Ich rief am nächsten Morgen an.
Erika war im Juni in eine betreute Wohnanlage gezogen.
Die Firma hatte versucht, Renate zu erreichen, aber die hinterlegte Telefonnummer war nicht mehr aktuell.
Das Guthaben konnte zurücküberwiesen werden.
Martin wollte es sofort seiner Mutter geben.
Ich sagte nein.
Nicht weil ich Renate bestrafen wollte.
Sondern weil wir endlich aufhören mussten, Geld durch die Familie zu schieben, ohne zu wissen, was dahinterstand.
Wir ließen die 2.400 Euro auf unser Gemeinschaftskonto zurückzahlen.
Danach setzte Martin sich mit seiner Mutter zusammen.
Nicht allein.
Diesmal war auch sein Onkel Thomas dabei.
Und da kam die letzte Überraschung.
Thomas hatte die 32.000 Euro nicht vollständig behalten.
Er hatte Renate bereits 14.000 Euro zurückgezahlt.
In bar.
Über mehr als ein Jahr verteilt.
Renate hatte niemandem davon erzählt.
Das Geld lag nicht auf ihrem Konto.
Sie hatte es in einem Bankschließfach.
„Für schlechte Zeiten“, sagte sie.
Martin starrte sie nur an.
„Du hast 14.000 Euro im Schließfach und wolltest von Nora 21.600?“
Renate begann etwas von Sicherheit und Reserve zu erklären.
Niemand hörte mehr richtig zu.
Zwei Wochen später löste sie einen Teil des Geldes aus dem Schließfach auf und zahlte damit ihren Kredit herunter.
Thomas verpflichtete sich schriftlich, den Rest in festen Raten zurückzuzahlen.
Und Martin und ich änderten etwas, das viel wichtiger war als jeder einzelne Betrag.
Von da an gab es in unserer Ehe keine „familiären“ Zahlungen mehr, die nur einer von uns kannte.
Nicht fünfzig Euro.
Nicht sechshundert.
Nicht „nur vorübergehend“.
Drei Monate später besuchten wir Erika.
Zum ersten Mal seit unserer Hochzeit.
Sie war eine kleine, schmale Frau mit kurzem weißem Haar und einem erstaunlich festen Händedruck.
Als Martin sich vorstellte, sah sie ihn lange an.
Dann sagte sie:
„Du hast die Augen deines Großvaters.“
Martin musste plötzlich schlucken.
Auf dem Heimweg sprach er fast zwanzig Minuten nicht.
Kurz vor unserer Ausfahrt sagte er:
„Weißt du, was das Verrückteste ist?“
„Was?“
„Ich bereue keinen Cent, der für sie ausgegeben wurde.“
Ich nahm seine Hand.
„Ich auch nicht.“
Er sah mich an.
„Ich bereue nur, dass ich dir nicht die Wahrheit gesagt habe.“
Das verstand ich.
Denn am Ende waren nicht die 21.600 Euro das Problem gewesen.
Das Geld hatte drei Jahre lang etwas Sinnvolles bezahlt.
Das eigentliche Problem war, dass in unserer Familie jeder versucht hatte, jemanden zu schützen, indem er die Wahrheit versteckte.
Martin seine Mutter.
Renate ihren Bruder.
Renate ihre eigene Mutter.
Und irgendwann hatte niemand mehr geschützt.
Alle hatten nur noch gelogen.
Seitdem liegt der weiße Umschlag mit Renates handgeschriebener Zahl in einer Schublade meines Schreibtischs.
Nicht als Beweis.
Nicht als Drohung.
Sondern als Erinnerung daran, dass Geld in einer Familie selten nur Geld ist.
Manchmal steckt darin Scham.
Manchmal Schuld.
Manchmal Liebe.
Und manchmal braucht es genau einen Kontoauszug, damit endlich sichtbar wird, was drei Jahre lang niemand auszusprechen gewagt hat.
