Close Menu
    What's Hot

    „Ich habe gekündigt! Ab jetzt wirst du mich und meine Mutter durchfüttern!“, verkündete mein Mann. Doch mit meiner Antwort hatte er nicht gerechnet.

    „Deine Prämie von 500.000 Euro habe ich meiner Schwester schon versprochen!“, verkündete mein Mann. Ich lächelte und wählte die Nummer unserer Buchhalterin.

    Meine Schwiegermutter warf meine Sachen aus dem Schlafzimmer. Am Abend musste sie selbst ihren Koffer packen.

    Facebook X (Twitter) Instagram
    LEBEN
    • Lebensgeschichten
    • Atemberaubend
    • Lustig
    LEBEN
    Lebensgeschichten

    „Faulpelz! Um elf Uhr morgens noch im Bademantel!“ – empörte sich die Schwiegermutter. „Und Sie stehen um elf Uhr schon uneingeladen in meiner Wohnung.“

    27.09.20263K Views
    Share Facebook Twitter Pinterest Telegram LinkedIn Tumblr Copy Link WhatsApp
    Follow Us
    Facebook
    Facebook Twitter LinkedIn Pinterest Copy Link Telegram WhatsApp

    Als es an diesem Samstag um kurz nach elf an der Wohnungstür klingelte, hatte ich noch nasse Haare, einen dunkelgrünen Bademantel an und eine Tasse Kaffee in der Hand.

    Ich erwartete niemanden.

    Mein Mann Tobias war seit acht Uhr unterwegs. Er half seinem Bruder beim Umzug nach Potsdam, und ich hatte mir zum ersten Mal seit Wochen vorgenommen, einen Vormittag lang überhaupt nichts zu tun.

    Kein Wecker. Kein Supermarkt. Keine Waschmaschine.

    Einfach Kaffee, eine heiße Dusche und vielleicht später frische Brötchen vom Bäcker an der Ecke.

    Ich öffnete die Tür nur einen Spalt.

    Davor stand meine Schwiegermutter Gisela.

    Neben ihr: eine Frau, die ich noch nie gesehen hatte.

    Gisela musterte mich von oben bis unten.

    „Ach du meine Güte, Nora.“

    Sie sagte es so, als hätte sie mich gerade schlafend auf dem Gehweg gefunden.

    „Was ist?“

    „Es ist elf Uhr.“

    „Das sehe ich.“

    „Und du läufst noch im Bademantel herum.“

    Die fremde Frau neben ihr lächelte verlegen.

    Gisela dagegen schüttelte den Kopf.

    „Also wirklich. Mit 34 sollte man seinen Haushalt langsam im Griff haben.“

    Ich nahm einen Schluck Kaffee.

    „Und mit 63 sollte man langsam gelernt haben, vorher anzurufen.“

    Ihr Gesicht veränderte sich sofort.

    „Was soll denn dieser Ton?“

    „Welcher Ton?“

    „Ich wollte nur helfen.“

    Jetzt sah ich hinter ihr zwei große Papiertüten.

    Eine davon trug das Logo eines Einrichtungshauses.

    „Wobei helfen?“

    Gisela drückte bereits gegen die Tür.

    „Können wir vielleicht erst einmal reinkommen? Frau Krüger steht hier nicht zum Vergnügen.“

    „Wer ist Frau Krüger?“

    Die fremde Frau hob zaghaft die Hand.

    „Angela Krüger. Guten Tag.“

    Ich blieb in der Tür stehen.

    „Guten Tag.“

    Gisela verdrehte die Augen.

    „Nora, mach doch bitte kein Theater im Hausflur.“

    Unsere Nachbarin vom gegenüberliegenden Apartment öffnete in genau diesem Moment ihre Tür, sah uns und verschwand sofort wieder.

    Natürlich.

    Innerhalb von einer Stunde würde wahrscheinlich das halbe Haus wissen, dass bei uns Streit herrschte.

    „Dann erklär mir einfach, warum du unangekündigt mit einer fremden Frau vor meiner Tür stehst.“

    „Unsere Tür“, korrigierte Gisela.

    Ich hob langsam die Augenbrauen.

    „Wie bitte?“

    Sie winkte ab.

    „Du weißt genau, wie ich das meine. Tobias wohnt schließlich auch hier.“

    „Das macht es trotzdem nicht zu deiner Tür.“

    Angela Krüger räusperte sich.

    „Vielleicht komme ich besser an einem anderen Tag.“

    „Unsinn“, sagte Gisela sofort. „Wir sind jetzt schon hier.“

    Dann sah sie mich wieder an.

    „Zieh dich an. Wir brauchen höchstens zwanzig Minuten.“

    „Wofür?“

    Gisela lächelte plötzlich.

    Und genau dieses Lächeln machte mich misstrauisch.

    „Für das Gästezimmer.“

    Ich sagte nichts.

    Wir hatten kein Gästezimmer.

    Zumindest nicht offiziell.

    Unsere Dreizimmerwohnung in Berlin-Charlottenburg bestand aus Schlafzimmer, Wohnzimmer und meinem Arbeitszimmer.

    Ich arbeitete als freiberufliche Grafikdesignerin. Das dritte Zimmer war kein Hobbyraum, sondern mein Arbeitsplatz.

    Zwei große Monitore, Grafiktablett, Drucker, Aktenschränke, Musterbücher.

    Tobias wusste das.

    Seine Mutter ebenfalls.

    „Was ist mit meinem Arbeitszimmer?“

    „Es muss endlich vernünftig genutzt werden.“

    Ich lachte kurz auf.

    „Es wird jeden Tag genutzt.“

    „Du sitzt da am Computer.“

    „Ja. Das nennt man Arbeit.“

    Angela Krüger betrachtete inzwischen intensiv die Fußmatte.

    Ich fragte sie direkt:

    „Was genau sollen Sie hier machen?“

    Bevor sie antworten konnte, sagte Gisela:

    „Sie plant Einbauschränke.“

    Mir wurde plötzlich kalt.

    „Einbauschränke?“

    „Und ein Schrankbett.“

    „Für wen?“

    Gisela sah mich an, als sei die Antwort selbstverständlich.

    „Für mich.“

    Ich glaubte erst, sie mache einen schlechten Witz.

    Tat sie aber nicht.

    „Du willst ein Bett in meinem Arbeitszimmer einbauen lassen?“

    „Nicht nur ein Bett. Eine vernünftige Lösung. Tagsüber sieht man es gar nicht.“

    „Warum brauchst du hier überhaupt ein Bett?“

    „Weil ich älter werde.“

    „Du wohnst zwanzig Minuten entfernt.“

    „Vierundzwanzig, wenn viel Verkehr ist.“

    Ich starrte sie an.

    „Gisela, geh bitte nach Hause.“

    Da veränderte sich ihr Ton.

    „Tobias fand die Idee gut.“

    Diese fünf Wörter trafen mich stärker als alles andere.

    „Was?“

    „Er sagte selbst, man müsse langfristig denken.“

    „Wann hat er das gesagt?“

    „Am Donnerstag.“

    Donnerstagabend hatte Tobias mir erzählt, er sei nach der Arbeit noch mit einem Kollegen ein Bier trinken gewesen.

    Ich erinnerte mich genau.

    Er war erst gegen halb zehn nach Hause gekommen.

    „Wo habt ihr darüber gesprochen?“

    Gisela zögerte einen Moment.

    „Bei mir.“

    Das war der erste Augenblick, in dem ich wusste, dass an dieser Geschichte etwas nicht stimmte.

    📖 Wie es nach diesem Satz weiterging, steht im ersten Kommentar 👇

    „Bei dir?“, wiederholte ich.

    „Ja.“

    „Tobias war Donnerstag bei dir?“

    „Natürlich.“

    „Interessant.“

    Gisela bemerkte offenbar meinen Gesichtsausdruck.

    „Was soll das jetzt wieder heißen?“

    Ich ignorierte sie und nahm mein Handy aus der Tasche meines Bademantels.

    „Nora.“

    Ich öffnete den Chat mit Tobias.

    Meine Finger schwebten über der Tastatur.

    Dann schrieb ich nicht.

    Stattdessen fragte ich:

    „Hat Tobias Frau Krüger beauftragt?“

    Angela hob jetzt schnell den Kopf.

    „Nein.“

    Gisela drehte sich zu ihr.

    „Angela.“

    „Entschuldige, Gisela, aber ich möchte da nicht hineingezogen werden.“

    Ich sah sie an.

    „Wer hat Sie beauftragt?“

    „Ihre Schwiegermutter hat mich angerufen. Ich sollte mir den Raum ansehen und ein unverbindliches Angebot machen.“

    „Hat mein Mann jemals mit Ihnen gesprochen?“

    „Nein.“

    Giselas Gesicht wurde rot.

    „Jetzt stell mich hier nicht hin, als würde ich irgendetwas heimlich machen.“

    „Du stehst unangekündigt mit einer Möbelplanerin vor meiner Wohnung.“

    „Weil du sonst wieder Nein gesagt hättest!“

    Stille.

    Sogar Angela sah sie jetzt an.

    Ich stellte die Kaffeetasse auf die kleine Kommode im Flur.

    „Dann wusstest du also, dass ich Nein sagen würde.“

    „Weil du grundsätzlich gegen alles bist, was mit Familie zu tun hat.“

    Ich musste lachen.

    „Das ist beeindruckend. Du willst mein Arbeitszimmer umbauen und wenn ich das nicht will, bin ich gegen Familie.“

    „Du verdrehst mir die Worte.“

    „Nein. Ich wiederhole sie.“

    Angela nahm ihre Tasche fester.

    „Gisela, ich komme wirklich lieber ein anderes Mal.“

    „Es gibt kein anderes Mal“, sagte ich.

    Sie nickte erleichtert.

    „Verstanden.“

    Dann verabschiedete sie sich freundlich und ging zum Aufzug.

    Gisela blieb.

    Als sich die Aufzugtür geschlossen hatte, trat sie näher an mich heran.

    „Du hast mich gerade vor einer Bekannten bloßgestellt.“

    „Du hast sie mitgebracht.“

    „Weißt du eigentlich, wie verletzend du bist?“

    „Weißt du eigentlich, wie übergriffig du bist?“

    „Übergriffig? Weil ich bei meinem Sohn ein Bett brauche?“

    „Du brauchst hier kein Bett.“

    „Das entscheidest nicht nur du.“

    Da war er wieder, dieser Satz.

    In unterschiedlichen Varianten hörte ich ihn seit unserer Hochzeit ständig.

    Nicht nur du entscheidest.

    Tobias hat auch etwas zu sagen.

    Wir sind doch Familie.

    Früher hatte ich darüber hinweggesehen.

    Diesmal nicht.

    „Gut“, sagte ich. „Dann warten wir auf Tobias.“

    „Er hat seine Meinung doch längst gesagt.“

    „Das werde ich gern von ihm selbst hören.“

    Plötzlich wurde sie unsicher.

    Nur ganz kurz.

    Aber ich sah es.

    „Er wird sicher nicht begeistert sein, dass du aus so einer Kleinigkeit ein Drama machst.“

    „Dann muss er sich wenigstens nicht langweilen.“

    Ich nahm meine Tasse wieder.

    „Du kannst jetzt gehen.“

    Sie bewegte sich keinen Zentimeter.

    „Ich habe Kuchen mitgebracht.“

    „Nimm ihn wieder mit.“

    „Nora.“

    „Gisela.“

    „So behandelt man seine Schwiegermutter nicht.“

    Ich antwortete ruhig:

    „Und so betritt man nicht das Zuhause anderer Leute.“

    Sie nahm ihre Tüten.

    An der Tür drehte sie sich noch einmal um.

    „Irgendwann wirst du verstehen, dass man Familie nicht einfach aussperrt.“

    „Familie klingelt trotzdem vorher.“

    Dann schloss ich die Tür.

    Meine Hände zitterten.

    Nicht wegen des Streits.

    Wegen Donnerstag.

    Tobias hatte mich angelogen.

    Oder Gisela log mich an.

    Beides gefiel mir nicht.

    Ich rief ihn nicht an.

    Stattdessen zog ich mich an, räumte die Küche auf und versuchte, meine Gedanken zu sortieren.

    Um kurz nach fünf kam Tobias nach Hause.

    „Bin wieder da!“

    Ich saß am Esstisch.

    Er stellte eine Tüte mit vietnamesischem Essen auf die Arbeitsplatte.

    „Ich hab Sommerrollen mitgebracht.“

    Dann sah er mein Gesicht.

    „Was ist passiert?“

    „Deine Mutter war hier.“

    Er seufzte.

    „Oh Gott. Was jetzt?“

    „Mit Angela Krüger.“

    Keine Reaktion.

    „Kennst du die?“

    „Nein.“

    Ich beobachtete ihn.

    „Sie plant Möbel.“

    „Okay.“

    „Für mein Arbeitszimmer.“

    Jetzt blieb er stehen.

    „Bitte was?“

    Und zum ersten Mal an diesem Tag entspannte sich etwas in mir.

    Seine Überraschung sah echt aus.

    „Deine Mutter wollte ein Schrankbett einbauen lassen.“

    Tobias schloss für einen Moment die Augen.

    „Das ist jetzt nicht ihr Ernst.“

    „Sie sagte, ihr hättet das am Donnerstag besprochen.“

    Er sah mich sofort an.

    „Donnerstag?“

    „Du warst angeblich bei ihr.“

    „Ich war bei Daniel.“

    „Deinem Kollegen?“

    „Ja.“

    „Also lügt sie.“

    Tobias setzte sich mir gegenüber.

    „Offenbar.“

    Ich verschränkte die Arme.

    „Sie sagte außerdem, du würdest die Idee gut finden.“

    „Ich wusste nichts davon.“

    Ich glaubte ihm.

    Und trotzdem blieb ein unangenehmes Gefühl.

    „Warum erzählt sie so etwas?“

    Tobias schwieg.

    Zu lange.

    „Was?“

    „Es gab ein Gespräch.“

    „Wann?“

    „Vor ungefähr zwei Wochen.“

    „Worüber?“

    Er rieb sich über das Gesicht.

    „Meine Mutter macht sich Gedanken wegen ihrer Wohnung.“

    Gisela lebte seit fast dreißig Jahren in einer großen Altbauwohnung in Wilmersdorf. Dritter Stock, ohne Aufzug.

    „Welche Gedanken?“

    „Die Treppen.“

    „Sie läuft jeden Dienstag im Tiergarten sechs Kilometer.“

    „Ich weiß.“

    „Was hat das mit unserem Arbeitszimmer zu tun?“

    „Eigentlich nichts.“

    Eigentlich.

    Ich kannte dieses Wort.

    „Tobias.“

    Er atmete tief ein.

    „Sie hat gefragt, ob sie irgendwann bei uns übernachten könnte, falls ihr die Treppen mal schwerfallen.“

    „Und was hast du gesagt?“

    „Dass wir dann darüber reden.“

    Ich lehnte mich zurück.

    „Du hast nicht Nein gesagt.“

    „Nora, sie hat von irgendwann gesprochen. Vielleicht in zehn Jahren.“

    „Sie hat heute ein Schrankbett ausmessen lassen.“

    „Das wusste ich nicht.“

    „Aber sie interpretiert dein ‚wir reden darüber‘ offenbar als Zustimmung.“

    Er schwieg.

    „Du kennst deine Mutter.“

    „Ja.“

    „Dann weißt du doch genau, was sie aus solchen Sätzen macht.“

    Er stand wieder auf.

    „Was willst du jetzt von mir hören?“

    „Dass du ihr klare Grenzen setzt.“

    „Das mache ich.“

    „Heute.“

    „Jetzt?“

    „Ja.“

    Er sah auf die Uhr.

    „Sie ist wahrscheinlich immer noch sauer.“

    „Umso besser.“

    Er verdrehte die Augen, holte aber sein Handy heraus.

    Der Anruf dauerte keine drei Minuten.

    Ich hörte nur seine Seite.

    „Mama, was sollte das heute?“

    Pause.

    „Nein.“

    Pause.

    „Nein, das haben wir nicht so besprochen.“

    Dann wurde seine Stimme fester.

    „Du lässt nichts in unserer Wohnung planen.“

    Wieder Pause.

    „Noras Arbeitszimmer bleibt ihr Arbeitszimmer.“

    Pause.

    „Mama.“

    Noch eine Pause.

    „Es geht nicht darum, ob du Familie bist.“

    Er ging ins Wohnzimmer.

    Ich hörte ihn noch sagen:

    „Weil man vorher fragt.“

    Als er zurückkam, legte er das Handy auf den Tisch.

    „Erledigt.“

    Ich nickte.

    „Was hat sie gesagt?“

    „Dass du mich gegen sie aufhetzt.“

    „Natürlich.“

    „Und dass sie dich nicht wiedererkennt.“

    „Sie kannte mich vorher schon nicht besonders gut.“

    Tobias lächelte kurz.

    Damit hätte die Sache vorbei sein können.

    War sie aber nicht.

    Am Montag bekam ich eine Nachricht von einer unbekannten Nummer.

    Guten Tag, Frau Berger. Hier ist Angela Krüger. Entschuldigen Sie bitte die Störung. Ich glaube, Sie sollten wissen, dass Ihre Schwiegermutter mir nach unserem Termin noch Unterlagen geschickt hat. Darin stand etwas, das mir merkwürdig vorkam.

    Ich rief sie sofort an.

    „Welche Unterlagen?“

    Angela klang unbehaglich.

    „Einen Grundriss.“

    „Den kann sie irgendwoher haben.“

    „Ja. Aber darauf war Ihr Arbeitszimmer als zukünftiges Pflegezimmer markiert.“

    Ich sagte lange nichts.

    „Pflegezimmer?“

    „So stand es dort.“

    „Für wen?“

    „Das weiß ich nicht.“

    An diesem Abend fuhren Tobias und ich gemeinsam zu Gisela.

    Sie öffnete in einer geblümten Bluse und sah überrascht aus.

    „Was macht ihr denn hier?“

    „Wir wollen den Grundriss sehen“, sagte Tobias.

    Ihr Gesicht wurde blass.

    „Welchen Grundriss?“

    „Mama.“

    Sie ging langsam ins Wohnzimmer.

    Auf dem Esstisch lagen Zeitungsausschnitte, Prospekte und ein Ordner.

    Tobias öffnete ihn.

    Darin befanden sich Unterlagen von Pflegediensten, Informationen über barrierefreie Wohnungen und eine Broschüre mit dem Titel „Pflege von Angehörigen zu Hause“.

    Ich sah Gisela an.

    „Was ist das?“

    Sie setzte sich.

    Zum ersten Mal wirkte sie nicht empört.

    Nicht dominant.

    Sondern müde.

    „Ich wollte euch noch nichts sagen.“

    Tobias wurde sofort ernst.

    „Was ist passiert?“

    Gisela sah auf ihre Hände.

    „Es geht nicht um mich.“

    Damit hatte ich nicht gerechnet.

    „Um wen dann?“

    Sie öffnete eine Schublade und holte einen Umschlag heraus.

    Darin lag ein Arztbrief.

    Tobias las ihn zuerst.

    Sein Gesicht veränderte sich.

    „Opa?“

    Giselas Vater, Heinrich, war 87 und lebte allein in einem kleinen Ort bei Magdeburg.

    Wir sahen ihn höchstens drei- oder viermal im Jahr.

    „Er ist vor zwei Wochen gestürzt“, sagte Gisela leise.

    „Warum hast du nichts erzählt?“, fragte Tobias.

    „Weil er mir verboten hat, euch anzurufen.“

    „Und was hat das mit unserer Wohnung zu tun?“

    Sie zögerte.

    Dann sagte sie:

    „Ich wollte ihn zu mir holen.“

    Jetzt verstand ich gar nichts mehr.

    „Zu dir?“

    „Meine Wohnung hat keinen Aufzug. Wenn er einmal oben ist, kommt er kaum noch raus.“

    Tobias blätterte weiter.

    „Dann warum mein Arbeitszimmer?“

    Gisela schluckte.

    „Weil ich überlegt habe, meine Wohnung aufzugeben.“

    Stille.

    „Und?“

    „Ich dachte, wenn ich eine kleinere barrierefreie Wohnung finde, könnte dein Großvater dort wohnen. Und ich würde…“

    Sie sah zu mir.

    „…vorübergehend bei euch bleiben.“

    Da war es.

    Das Gästezimmer.

    Nicht für gelegentliche Übernachtungen.

    Nicht für irgendwann.

    Für sie.

    „Warum hast du das nicht einfach gesagt?“, fragte ich.

    Ihre Augen wurden feucht.

    „Weil ich wusste, dass es sich anhört, als wolle ich mich bei euch einnisten.“

    „Stattdessen hast du heimlich ein Schrankbett planen lassen.“

    „Das war dumm.“

    Zum ersten Mal hörte ich dieses Wort von ihr über das eigene Verhalten.

    Nicht missverstanden.

    Nicht gut gemeint.

    Dumm.

    Tobias setzte sich.

    „Mama, wir hätten dir geholfen.“

    Sie schüttelte den Kopf.

    „Ich wollte nicht fragen und dann ein Nein hören.“

    Ich sah sie lange an.

    „Also hast du beschlossen, lieber so zu tun, als wäre schon alles geklärt.“

    „Ja.“

    Ihre Antwort kam so leise, dass ich sie beinahe nicht hörte.

    Ich hätte wütend bleiben können.

    Ein Teil von mir war es auch.

    Aber plötzlich sah die Situation anders aus.

    Nicht besser.

    Nur menschlicher.

    „Gisela“, sagte ich, „mein Arbeitszimmer wird trotzdem kein Schlafzimmer.“

    Sie nickte.

    „Ich weiß.“

    „Und du wirst nicht einfach bei uns einziehen.“

    Wieder ein Nicken.

    Tobias sah zwischen uns hin und her.

    „Aber wir finden eine Lösung.“

    Am Ende fanden wir tatsächlich eine.

    Nur völlig anders, als Gisela geplant hatte.

    Heinrich wollte Magdeburg nicht verlassen.

    Also organisierte Tobias mit seiner Mutter einen Hausnotruf, einen ambulanten Pflegedienst und eine Haushaltshilfe. Außerdem wurde im Bad ein Haltegriff eingebaut und eine Schwelle entfernt.

    Gisela gab ihre Wohnung nicht auf.

    Und mein Arbeitszimmer blieb genauso, wie es war.

    Ein paar Wochen später klingelte es an einem Samstagmorgen um kurz nach zehn.

    Ich trug wieder meinen Bademantel.

    Als ich öffnete, stand Gisela draußen.

    Diesmal allein.

    In der Hand hielt sie eine Tüte vom Bäcker.

    „Ich habe angerufen“, sagte sie sofort.

    Ich musste lachen.

    „Ja. Dreimal.“

    „Du bist nicht rangegangen.“

    „Ich war unter der Dusche.“

    Sie hob die Tüte.

    „Darf ich trotzdem rein?“

    „Was ist drin?“

    „Pflaumenkuchen.“

    Ich trat zur Seite.

    „Dann hast du Glück.“

    Sie zog die Schuhe aus, ging in die Küche und betrachtete meinen Bademantel.

    Für einen Moment dachte ich, sie würde wieder etwas sagen.

    Stattdessen stellte sie den Kuchen auf den Tisch.

    „Weißt du“, meinte sie, „ich habe heute schon um halb sieben die Küche geputzt.“

    „Herzlichen Glückwunsch.“

    „Und war einkaufen.“

    „Beeindruckend.“

    Sie lächelte.

    „Und du?“

    Ich goss Kaffee ein.

    „Ich war bis elf faul.“

    „Es ist erst zehn zwanzig.“

    Ich stellte ihr die Tasse hin.

    „Dann habe ich ja noch vierzig Minuten.“

    Diesmal lachte sie.

    Und zum ersten Mal seit Jahren klang es nicht so, als müsse eine von uns beiden gewinnen.

    Follow on Facebook
    Share. Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Tumblr Copy Link Telegram WhatsApp
    Advertisement
    Latest Posts

    „Ich habe gekündigt! Ab jetzt wirst du mich und meine Mutter durchfüttern!“, verkündete mein Mann. Doch mit meiner Antwort hatte er nicht gerechnet.

    „Deine Prämie von 500.000 Euro habe ich meiner Schwester schon versprochen!“, verkündete mein Mann. Ich lächelte und wählte die Nummer unserer Buchhalterin.

    Meine Schwiegermutter warf meine Sachen aus dem Schlafzimmer. Am Abend musste sie selbst ihren Koffer packen.

    „Wag es ja nicht, meiner Mutter die Tür vor der Nase zuzuschlagen!“, schrie mein Mann. Ich drehte den Schlüssel im Schloss um.

    Trending Posts
    Facebook
    • Home
    • Datenschutzrichtlinie
    • Allgemeine Geschäftsbedingungen
    • Haftungsausschluss
    • Sitemap
    © 2026 Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Dokumenten und deren Weitergabe in jeglicher Form, auch in elektronischen Medien, ist nur mit einem aktiven Link zu unserer Site und mit Indizierung durch Suchmaschinen möglich. Die Herausgeber sind nicht für den Inhalt der Werbematerialien verantwortlich.

    Type above and press Enter to search. Press Esc to cancel.