Dass der Zug ganze zwanzig Minuten vor der Zeit am Bahnhof einrollte, war an sich eine unbedeutende Kleinigkeit, doch für Nina barg dieses Detail den Hauch einer mystischen Vorsehung. Die Schultern unter ihrer Last gebeugt, trat sie auf den Bahnsteig, schob sich erschöpft die Brille auf die Nase und versuchte, ihr zerzaustes Haar zu bändigen.
Unter ihren Füßen knirschte der Schotter des schmalen Pfades entlang der endlosen Gleise. Die unerbittliche Augusthitze lastete schwer auf der Datschensiedlung, hielt den trockenen Sommerstaub in der Schwebe und war tief durchdrungen vom herben Duft des angrenzenden Kiefernwaldes.
In ihrer Reisetasche verbargen sich auf den ersten Blick völlig gewöhnliche Dinge, die in ihrer Gesamtheit jedoch Ninas tiefe, stille Fürsorge bezeugten: hausgemachter Ajvar von der freundlichen Nachbarin, bester Röstkaffee für Galina und ein mit Bedacht gewähltes Buch von Ulizkaja, in dessen Seiten sie nach einer unaufgeregten, friedvollen Existenz suchte. Vom bevorstehenden Wochenende erhoffte sie sich die erfrischende Kühle des kleinen Pools, ruhige Kaffeestunden auf der sonnenbeschienenen Veranda und eine heilsame Einsamkeit – weit entfernt von Viktor, seinen endlosen Fußballmonologen und den allgegenwärtigen Spuren seiner Nachlässigkeit.
Der entscheidende Schicksalsschlag traf sie an einem verwitterten Straßenschild mit der Aufschrift „SNT Birke“. Die Sommerluft um sie herum schien schlagartig zu gefrieren. Als ihr Blick auf das silberne Auto fiel, das dicht an Galinas Jägerzaun geparkt war, reagierte ihr körperlicher Instinkt weitaus schneller als ihr Verstand das Gesehene verarbeiten konnte.
Sie blieb wie angewurzelt stehen.
Der vertraute Kratzer an der vorderen Stoßstange und der schwache Plastikgeruch aus dem Inneren des erhitzten Wagens ließen nicht den geringsten Zweifel an Viktors Anwesenheit. Vorsichtig ließ Nina ihre Tasche zu Boden gleiten und putzte ihre Brillengläser in der naiven Hoffnung, das schmerzhafte Trugbild würde sich auflösen.

Doch die Realität kannte kein Erbarmen. Als sie sich mit zitternden Knien näherte, sah sie durch die Scheibe die unverkennbare blaue Jacke ihres Mannes auf dem Beifahrersitz liegen; der alte, unauswaschbare Kaffeefleck darauf machte die Situation auf einen Schlag unmissverständlich klar.
Als sie das Gartentor durchschritt, entdeckte sie auf dem Holztisch der Veranda zwei halb geleerte Weingläser, während aus dem Halbdunkel des Hauses sanfte Jazzmusik wehte. Sie rief laut ihren Namen, woraufhin die Melodie abrupt verstummte. In die plötzlich unerträgliche Stille mischten sich zögerliche Schritte, und Galina trat aus der Tür – in ihrem Gesicht lag keine Reue, sondern sie war lediglich starr vor Schreck über die plötzliche Entlarvung.
In den folgenden, qualvollen Minuten offenbarte sich die bittere Wahrheit einer anderthalbjährigen Affäre, die auch der sich feige im Hintergrund versteckende Viktor kleinlaut bestätigte. Nina begegnete diesem emotionalen Zusammenbruch mit einer fast gespenstischen inneren Ruhe: Anstatt eine lautstarke Szene zu machen, packte sie stumm ihre mitgebrachten Geschenke aus und reihte sie sorgfältig auf dem Tisch auf, als wolle sie das Fundament ihrer kollabierenden Welt durch vertraute Routinen stützen.
Sie verbrachte die Nacht nicht in der Datsche. Im warmen, goldenen Nachmittagslicht wandte sie sich ab, lief hinunter zum nahen Fluss und fand schließlich Unterschlupf in Zoyas gemütlicher Küche, die sie vollkommen wortlos und ohne lästige Fragen aufnahm. Als es Abend wurde, ignorierte Nina konsequent Viktors stotternde Anrufe sowie Galinas verzweifelte Nachrichten; mit einem einzigen Entschluss schloss sie die Tür zu ihrer Vergangenheit.
Eingehüllt in die beruhigenden Geräusche des alten Landhauses und getröstet von dem Gedanken an die morgendliche, ehrliche Arbeit am Hühnerstall, begann sich in Ninas Bewusstsein ein völlig neues Leben zu formen – eine Zukunft, die zwar noch keinen Namen trug, aber das unerschütterliche Versprechen eines Neuanfangs in sich barg, der mit dem ersten Licht des Tages erwachen würde.